«So-Reden und Anders-Reden». Mehrsprachigkeit im Alltag – Schüler*innen erzählen, dokumentieren, erforschen

QUIMS-Schule Stettbach

Zusammen mit Schülerforscher*innen der QUIMS-Schule Stettbach (Sekundarschule; QUIMS = Qualität in multikulturellen Schulen) – also Schüler*innen, die forschend die Projektarbeit mitgestalten – erforscht das Projekt unter Leitung von Prof. Dr. Marie-Luis Merten (Deutsches Seminar) und Prof. Dr. Barbara Sonnenhauser (Slavisches Seminar) die alltägliche Mehrsprachigkeit von Jugendlichen in charakteristischen schulischen, jugendsprachlichen sowie familiären Kontexten. Kernanliegen des Vorhabens bestehen insbesondere darin, (1) bestehende statistische Erhebungen zur Mehrsprachigkeit in der Schweiz um eine emische Dimension – also eine Innenperspektive – zu bereichern, sie gewissermassen mit Leben zu füllen, (2) einen detaillierten Einblick in die multimodale Vielfalt des mehrsprachigen Alltags Jugendlicher zu gewinnen sowie (3) Fragen und Herangehensweisen der mehrsprachigen Akteure und deren mehrdimensionale Perspektivierung von Mehrsprachigkeitsräumen relevant zu setzen. 

Das Projekt möchte mithin Einblicke in die gelebte Mehrsprachigkeit aus Sicht der jugendlichen Akteure gewinnen. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger Fragen der Sprachkompetenz, sondern vielmehr die Wahrnehmung von, der Blick auf und der Umgang mit Sprache(n), d.h. das subjektive Erleben und Erfahren von geschriebenen wie auch gesprochenen Sprachen im Kontext. Die zentralen Forschungsfragen beziehen sich daher auf den Mehrsprachigkeitsbegriff der forschenden Schüler*innen: Was verstehen sie unter Mehrsprachigkeit? Welche Kontexte, Formen und Funktionen von Mehrsprachigkeit setzen sie relevant? Akteure avancieren demnach zu Forscher*innen, gestalten und reflektieren – unter wissenschaftlicher Begleitung – den Forschungsprozess, wodurch sich wiederum Einsichten in den Umgang mit Mehrsprachigkeit und Hinweise auf Einstellungen zu Sprache(n) ergeben. Einstellungen werden in der bisherigen Forschung überwiegend umfragebasiert und quantitativ orientiert erhoben, eher seltener aus sprachlichem Verhalten abgeleitet und an die Lebenswelt der sozialen Akteure zurückgebunden. Insbesondere die Fragen, inwiefern ein von sprachwissenschaftlicher Seite aus als ein-/mehrsprachig definierter Kontext auch für Sprachverwender*innen als solcher wahrgenommen wird und auf welche konkreten Strategien, sich in einem als mehrsprachig wahrgenommenen Umfeld zu orientieren, zurückgegriffen wird, sind bislang unbeantwortet. Eine Forschungslücke ist zudem, inwieweit die Einstellungen der gesellschaftlichen Umgebung zu den „Mehr-Sprachen“ – insbesondere Gewichtungen der Herkunftssprachen vs. Schulsprachen – auf diese Wahrnehmungen und Strategien einwirken.

Aus dem partizipativen Prozess (1) der Einbettung von Mehrsprachigkeit in den erlebten Alltag, (2) des Entwickelns von Forschungsfragen und methodischen Zugängen durch die Schülerforscher*innen und (3) der eigenständigen Ergebnisaufbereitung ergeben sich folglich – als besonderes Merkmal des Projekts – fundierte Einsichten in die (gelebte) Einstellungspraxis zu Mehrsprachigkeitsphänomenen. Zur gelebten Einstellungspraxis als metapragmatischem Phänomen liegt bislang kaum Forschung für den Mehrsprachigkeitsraum Schweiz vor. Hier geht das Projekt eine dringende Forschungslücke an.